Zum Nachdenken

 

Liebe Henfenfelder,
liebe Schwestern und Brüder,

die Karwoche mit dem anschließenden Osterfest hat begonnen. 

Eine besondere Zeit, nicht nur für Kirchgänger! Deshalb erlaube ich mir auch, diesen „Brief“ an Sie alle verteilen zu lassen. Hoffentlich freuen Sie sich über diesen Ostergruß. Wenn nicht, dürfen Sie an dieser Stelle getrost zu lesen aufhören und ich bitte Sie einfach, sich nicht über diese „Belästigung“ zu ärgern.

Es sind verrückte Zeiten, die wir gerade erleben. Verrückt – ganz wörtlich gemeint. Etwas ist ver-rückt, zur Seite gerückt, nicht mehr an seinem Platz! Die Welt scheint Kopf zu stehen, unser Alltag ist durcheinander gewirbelt. Die tägliche Routine, die wir oft beklagt haben, wäre inzwischen herzlich willkommen. Schulkinder wären jetzt plötzlich doch gerne wieder in der Schule. Es wäre schön, endlich die Kolleginnen und Kollegen wieder zu sehen, von der Familie ganz zu schweigen. Manche von uns wären jetzt schon im Urlaub oder würden sich aufs Familienfest vorbereiten.

Es sind verrückte Zeiten. Diese Krise lastet auf uns als Gemeinschaft und eben auch ganz persönlich. Mir sind dabei in den letzten Tagen immer wieder Worte des Dichters Lothar Zenetti in den Sinn gekommen:

Ich fragte: Wer wird mir den Stein wegwälzen
von dem Grab meiner Hoffnung
den Stein von meinem Herzen
diesen schweren Stein?

Ja, wer wird es schaffen, all das verrückte wieder zu verrücken, diese schweren Steine? Für mich persönlich ist es immer noch unvorstellbar, diese besondere Zeit der Karwoche und Osterfesttage ohne all die Gottesdienst zu erleben. Unser Feierabendmahl am Gründonnerstag, bei dem sich Menschen um den festlich gedeckten Tisch im Gemeindesaal versammeln um sich zu erinnern, wie Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat. Der Karfreitag, der uns an das Leiden Jesu erinnert. Aber eben auch daran, wieviel Leid und Not es bis heute in dieser Welt gibt. Und ja, dass eben auch immer noch das Sterben zu unserem Leben hier in dieser Welt dazu gehört. Besonders eindrücklich immer wieder, wenn wir am Ende des Gottesdienstes noch einmal auf die biblischen Berichte vom Sterben Jesu hören. Und dann die Osterkerze ausgelöscht wird und der Gottesdienst still, ohne Orgel, ohne Glockenleuten zu Ende geht.

Aber dann eben auch umso mehr die Osterfreude am frühen Sonntag Morgen. Unsere Jugendlichen, die die ganze Nacht hindurch das Osterfeuer vor unserer Kirche nicht verlöschen lassen. Die Auferstehungsfeier draußen auf unserem Friedhof, wo wir die Namen der Verstorbenen hören, Kerzen entzünden. Und dann der große Festgottesdienst mit den feierlichen Klängen des Posaunenchors und der Orgel. Der freudige Osterruf: Der Herr ist auferstanden!

Ja, das alles werde ich vermissen und auch die vielen persönlichen Begegnungen. Manch traurig trotziger Händedruck auf dem Friedhof. Das Basteln mit den Hortkindern, die dann an Ostern ihre kleinen Geschenke an die Gottesdienstbesucher verteilen, und und und…

Und trotzdem gilt: der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Im oben schon zitierten Gedicht geht es so weiter:

Mir ist ein Stein vom Herzen genommen:
meine Hoffnung   die ich begrub
ist auferstanden – wie er gesagt hat
Er lebt – er lebt – er geht mir voraus!

Ja, er geht mir voraus! An diesem Glauben will ich festhalten. Gerade in dieser so verrückten Zeit. In der ich vertraute Wege nicht mehr gehen darf und ganz neue Wege finden muss. Wege eines neuen Lebensgefühls im „daheim bleiben“. Wege zu meinem Glauben, der in diesen Tagen manchmal wankt. Wege zu meinen Mitmenschen, die ich nicht einfach mal eben treffen kann. Wege zu meinen Freunden, meiner Familie, Menschen die mir fehlen ebenso wie die Gemeinschaft im gemeinsamen Singen, Beten… Ganz neue Wege, in denen er mir eben doch voraus geht, mich nicht alleine lässt.

Einer dieser neuen Wege ist dieser Osterbrief an Sie. Andere Wege finden Sie in den Informationen auf der Rückseite. All das gibt mir Hoffnung, dass wir Wege zueinander finden, auch im persönlichen Kontaktverbot. Und dass manche der Steine, die mir heute noch auf dem Herzen lasten, doch auch wieder verrückt werden können, weggewälzt wie der Stein vor dem leeren Grab! Weil er lebt! Und weil er den Weg mir voraus geht. Aber eben nicht nur mir, sondern uns allen! Und so sind wir doch auch weiterhin gemeinsam unterwegs, wenn auch mit Abstand, aber nicht allein.

In diesem Sinne: der Herr ist auferstanden!

Bleiben Sie gesund und Gott befohlen!

Ihre Pfarrerin Kathrin Klinger